Mien Muddersprak (Alwine Wuthenow, aus dem Heimatkalender für den Stadt- und Landkreis Greifswald und den Landkreis Grimmen (Jg. 9, 1924))
Ik kann 't nich hochdütsch seggen,
Wat mi in 'n Bussen sitt;
Dat is man halwes Snacken,
Dat Best will doch nich mit.
Dat bliwt mi ümmer sitten
Deip unner up den Grund,
Un kümmt 't uk halw tau Höchten,
So smölt 't mi in den Mund.
Ne, von dat hochdütsch Wesen,
Dor seggt mi gor nicks vör!
Ik bliew dorin doch ümmer
Man as en dämlich Gör.
Wat plattdütsch ik dau seggen,
Dat hett all Hand un Faut,
Un klingt dat uk wat knullig,
So ist 't ok just so gaud.
Ik gah darin so düchtig
As stünn mi sünst nicks an,
Fäul mi dorin so säker
En hel' un ganzen Mann.
Mi is 't künn mien Herrgott
Mi beter so verstahn,
As würd mien Bidd so neger,
Em an dat Hart 'ran gahn.
Un wenn 'k in mien Würden
Den Herrn willkamen bün,
Denn kann 't jug recht uk wesen,
Un jug uk gaud naug sin.
Hochdeutsche Übersetzung
Anmerkung: Alwine Wuthenow soll recht behalten - hochdeutsch klingt's nur halb so schön. 😘
Meine Muttersprache
Ich kann's nicht hochdeutsch sagen,
Was mir im Busen sitzt;
Das ist nur halbes Reden
Das Beste will doch nicht mit.
Das bleibt mir immer sitzen
Tief unten auf dem Grund,
Und kommt's auch halb nur hoch,
So schmilzt's mir in dem Mund.
Nein, von dem hochdeutschen Wesen,
Da sagt mir gar nichts zu!
Ich bleib darin doch immer
Nur wie ein dämliches Kind.
Was ich plattdeutsch sage,
Das hat alles Hand und Fuß,
Und klingt es auch etwas knollig,
So ist's auch gleich so gut.
Ich geh darin so tüchtig
Als stünde mir sonst nichts an,
Fühle mich darin so sicher
Ein voller und ganzer Mann(/Mensch).
Mir ist's könnte mein Herrgott
Mich besser so verstehen,
Als würde meine Bitte so näher,
Ihm an das Herz heran gehn.
Und wenn ich in meinen Worten
Dem Herren willkommen bin,
Dann kann's euch recht auch gewesen (sein)
Und euch auch gut genug sein.
Zeitreise
Der Text des Heimatkalenders ist um fünf Verse (original zwölf Verse) gekürzt und in der Schreibweise ebenfalls angepasst worden. Auf einer kleinen Zeitreise kann man verfolgen, dass bereits 1896 in "Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goren" das Gedicht in "Mien Muddersprak" umgetauft und beschnitten wurde.
Meine Abschrift (oben) stammt aus dem genannten Heimatkalender für den Stadt- und Landkreis Greifswald und den Landkreis Grimmen (Jg. 9, 1924). Die ursprüngliche Quelle des Gedichtes "Mien Modersprak" ist die Gedichtsammlung "En poa Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goahrn" (Seite 13) von Alwine Wuthenow, herausgegeben von Fritz Reuter - 1858. Oder ist das wirkliche Original aus dem "Unterhaltungsblatt für beide Mecklenburg und Pommern" (September 1855)? Chaos! Hin und her.
Einige Stellen, später gestrichener Verse, sind 1855 verschieden zu 1858. Zum Beipsiel:
Dauh bi dei Saak mi fäuhlen,
As wie ick spannt in'n Block,
Doch dit's mien Arbeitskittel
Mien Huus- un Sünndagsrock
... übersetzt:
Tue bei der Sache mich fühlen,
Als wäre ich in einen Block/Schraubstock eingespannt,
Doch dies ist mein Arbeitskittel
Mein Haus- und Sonntagsrock
In der dritten Auflage (1874) wurden bereits ein paar Anpassungen an der Lautmalerei gemacht und ungewöhnliche Vokabel übersetzt oder umgeschrieben. Der Vers "Ik gah in ehr so düchtig, [...]" ist komplett entfernt worden. So, dass es 1874 nur noch 11 Verse sind.
Dr. Marx Möller schreibt im Vorwort (1896):
[...] nur das Beste ausgewählt, und wo Kürzungen erwünscht schienen, gestrichen, stets im vollen Einverständnis mit der Dichterin. Etwaige spätere Ausgaben werden sich vielleich umfangreicher gestalten.
Pustekuchen! Wer weiß, wo Alwine da herein gequatscht wurde. Außerdem spart's Papier, wenn man streicht. Die entfernten Verse haben es dann auch nicht wieder in das Gedicht geschafft.
Ich finde es schade und ungerecht! Gehen so doch viele schöne Worte und Ausdrücke ("Nätskarn", "Schell", "kommor", ...) verloren.
Der Vollständigkeit halber - und weil sich Alwine Wuthenow etwas dabei gedacht hat -, hier der Text in seiner vollen ursprünglichen Pracht, von 1858:
Das Original (1858)
Mien Modersprak
Ik kann 't nich hochdütsche seggen,
Wat mi in 'n Bussen sitt,
Dat is man halwes Schnacken,
Dat Best will doch nicht mit.
Dat bliwt mi ümme sitten
Deip unne up den Grund,
Un kümmt 't ok halw to Höchten,
So smöllt 't mi in de Mund.
De Nätskarn paßt nich anners
As in sien eigen Schell;
De Platz, doarin he wossen,
Dat is sien richtig Stell.
So will dees' Sprak ok wassen
So vull in miene Bost,
As Nätkarn söt un leiflich,
Mien Liew- un Seelenkost.
Doa paßt nu mal kein anner,
As ehr oll truue Luut,
Dei, as mien Athen, liesing
Geiht mit em in un ut.
Nee, von dat hochdütsch Wesen,
Doa seggt mi goa nicks vör!
Ik bliew doarin doch ümme
Man as en dämlich Jör.
Föhl mi in 'n Buck spannt ümme,
Drüm teih ik 't an unnohr,
Doch dit 's mien Arbeitskittel,
Mien Husrock, so kommor.
Wat ik doarin dauh seggen,
Dat hett All Hand un Foot,
Un klingt dat ok wat knullig,
So ist 't ok just so god.
Ik gah in ehr so düchtig,
As stünn mi sünst nicks an,
Fäuhl mi in ehr so säker,
En heel' un ganzen Mann.
Mag gliek sin, ob 'k "Lieb Vater,"
Ow 'k "lewe Vahre" segg,
Doch klingt dat lest mi söter,
As fünn 't ihr' sienen Weg.
Mi is 't as künn mien Hergod
Mi bäter denn vestahn,
As dehr mien Birr so neger
Em an dat Hart 'ran gahn.
Un wenn 'k in mienen Würen
Den Herrn willkamen bün,
Denn kann 't Jug recht ok wesen
Un Jug ok god nog sin.
Hochdeutsche Übersetzung
Meine Muttersprache
Ich kann's nicht hochdeutsch sagen,
Was mir im Busen sitzt;
Das ist nur halbes Reden
Das Beste will doch nicht mit.
Das bleibt mir immer sitzen
Tief unten auf dem Grund,
Und kommt's auch halb nur hoch,
So schmilzt's mir in dem Mund.
Der Nusskern passt nicht anders
Als in seine eigene Schale / Hülle;
Der Platz, darin er gewachsen,
Das ist seine richtige Stelle.
So will diese Sprache auch wachsen
So voll in meiner Brust,
Als Nusskern süß und lieblich
Meine Leib- und Sellenkost.
Da passt nun einmal kein anderer,
Als ihr alter treuer/vertrauter Laut,
Die, wie mein Athem, gleich
Geht mit ihm ein und aus.
Nein, von dem hochdeutschen Wesen,
Da sagt mir gar nichts zu!
Ich bleib darin doch immer
Nur wie ein dämliches Kind.
Fühle mich im Bauch angespannt immer,
Drum zieh ich's an unnötig (*1),
Doch dies ist mein Arbeitskittel,
Mein Hausrock, so gemütlich.
Was ich darin tue sage,
Das hat alles Hand und Fuß,
Und klingt es auch etwas knollig,
So ist's auch gleich so gut.
Ich geh darin so tüchtig,
Als stünde mir sonst nichts an,
Fühle mich darin so sicher
Ein voller und ganzer Mann(/Mensch).
Mag gleich sein, ob ich "Lieb Vater,"
Oder ich "lieber Vater" sage,
Doch klingt das letztere mir süßer,
Als findet es eher seinen Weg.
Mir ist es als könnte mein Herrgott
Mich besser dann verstehen,
Als täte meine Bitte so näher,
Ihm an das Herz heran gehn.
Und wenn ich in meinen Worten
Dem Herren willkommen bin,
Dann kann's euch recht auch gewesen (sein)
Und euch auch gut genug sein.
Anmerkungen
- *1 In der Neuaflage 1874 der Gedichtsammlung wird anstatt "unnohr" "unnod" verwendet.





